Konrad Lorenz zu Atomstrom

Januar 10th, 2003 Kommentare deaktiviert für Konrad Lorenz zu Atomstrom

Tullner Hauptplatz 1978

Meine sehr verehrten Tullnerfelder, ich habe Angst. Und zwar nicht weil ich ein Tullnerfelder bin, das bin ich, und nicht weil ich stromabwärts von Zwentendorf wohne, sondern aus sehr viel allgemeineren Gründen. Ich habe auch nicht um mich Angst, mich dawischts nicht mehr.
Angst habe ich um die Kinder die hier herumlaufen und um die ungeborenen Kinder die zu erwarten sind. Wenn ich meine Enkelkinder und diese hier umanand laufen sehe kommt mir immer die Sorge – wo laufts ihr hin?
In die Katastrophe.
Denn das es zur Katastrophe kommen muß ist eine Tatsache die sich aus der schnellen Entwicklung des Wirtschaftswachstums ergibt. Ich habe also Angst um die Zukunft. Die Gefahren die uns drohen werden von Jahr zu Jahr deutlicher an den Mißerfolgen der Atomkraft in anderen Ländern.
Aber von den Baustops, von dem Undichtwerden von radioaktiv materialhaltenden Kesseln usw. von dem hören wir nichts. Das wird von der Lobby der Elektrizitätswerke unterschlagen. Die Lügen die uns aufgetischt werden sind viel weniger gefährlich als die Vorenthaltungen von Information.
Nun, ich werfe den Befürwortern der Kernkraft nicht allen vor das sie bestochen sind, aber sie leben ja davon! Was macht zum Beispiel ein Strahlenschutzspezialist wenn nur die Sonne strahlt?
Es ist eine sehr bitter, schwarz erheiternde Tatsache daß der Präsident der amerikanischen Strahlenschutzkommision den schönen Ausspruch getan hat: „Mit jedem Kernkraftwerk wächst der Einfluß unserer Berufsvereinigung“.
Was soll ein Kernkraftspezialist machen wenn man kein Kernkraftwerk macht?

Ich muß vor allem als Mediziner Stellung nehmen.

Es ist einfach nicht wahr, daß es eine untere Grenze der Strahlung gibt die noch erträglich ist. Die Strahlung mit der wir es zu tun haben ist ja eine Korpus kular Strahlung das heißt es fliegen Teilchen. Einige treffen, einige Leute grigen Karzinom aber die Frage wie stark ist die erträgliche Strahlung ist genauso dumm wie wenn sie fragen „welche Dichte von Infantriebeschuß ist noch erträglich“.
Das hängt davon ab wie lang g´schossen wird und wieviel Leute im Weg stehen.

Das wird nie erwähnt sondern so und soviel REMs sind erlaubt. Nun wird eingestanden, daß die Inzistenz, die Verhäufigkeit von Krebsen wesentlich erhöht und das die Erhöhung vor allem von Erbschäden berechnet und dann nach Erwägung festgelegt wurde das man einen vernünftigen Spielraum für die Atomenergieproduktion der absehbaren Zukunft schaffen muß. Das ist ein dermaßen zynischer Ausspruch wie man ihn nur den Sklaven der Großindustrie so in den Mund legen kann. Das ist wirklich wahr, daß er das gesagt hat.

Stellen sie sich einmal vor im Tullnerfeld gibt es 50 Krebstote per Jahr mehr. Das fällt statistisch fast nicht auf unter der großen Zahl der Leute die sowieso an Krebs sterben aber stellen sie sich vor, daß das anders gemacht wird. Ein autoritärer Herrscher sagt, jetzt haben wir so und soviel Leute über 50 Jahre die werden herausgestellt und tot geschossen. Das kommt genau auf das Selbe hinaus, die Leute die an Krebs sterben viel qualvoller als wie die Leute die man tot schießen würde. Also die moralische Unverantwortlichkeit ist überhaupt nicht auszudrücken.

Jede Krebskranke, jedes Kind das mißbildet auf die Welt gekommen ist ist eine Tragödie, ist ein menschlicher Fall der mit noch so viel Geld nicht gutzumachen ist. Die weitere Entwicklung der Menschheit ist sowieso biologisch äußerst riskant. Diese gefährliche Situation wird um ein vielfaches verschlimmert wenn wir mutationsfördernde Strahlen auf uns einwirken lassen.

Als Verhaltensforschern und als Gesellschaftskritiker sehe ich wie der Mensch mehr und mehr kompliziritere Apparate schafft. Die Arbeitsamkeit des Menschen nimmt zu. Dazu kommt ein beinahe zur Religion gewordener Irrglaube der Produktionsapparat muß auf jeden Fall auf hohen Touren laufen und der Produktionsapparat muß möglichst groß sein. Nun ist ein großer Produktionsapparat unmenschlich, je kleiner ein Unternehmen ist desto menschlicher ist es an ihm zu arbeiten. Und die Tendenz zu immer größeren und größeren Produktionsapparaten, Unternehmen bedingt eine immer unmenschlichere und dümmere Arbeit für den Einzelarbeiter. Der selbständige Mensch ist unerwünscht in dieser Religion des Produktionsapparates.

Ich habe Angst vor der Vergrößerung der Betriebe, vor dem Wirtschaftswachstum. Von der allgemeinen Entwicklung unserer Zivilisation in Richtung einer „Ent – Menschung“ des Einzelnen.
Nun können sie mir sagen, daß das kalorische Kraftwerke und Pflanzenschutzmittel, verbetonierung der Welt usw. ja auch machen – aber – sie brauchen mit der Produktion von Pestiziden, Pflanzenschutzmittel, mit verbetonieren und was sie sonst, die Menschheit, an Blödsinn macht – nur aufzuhören, sie brauchen nur aufzuhören und in 30 Jahren ist Gras darüber gewachsen.
Und alles ist wieder gut wenn sie bloß aufhört.

Und das erschreckende an Atomkraft ist die Unwiderruflichkeit ihrer Einführung. Für die Halbwertszeit, das sind 20.000 Jahre, wird’s erst halb so giftig, dann braucht’s noch 20.000 Jahre um ein Viertel so giftig zu werden usw. und eine Quelle des Giftes quillt unversieglich, man kann sagen für ewig, weiter. Auch wenn das Atomkraftwerk nicht in die Luft geht, die Komplikation der Apparate die die Menschen sich bau´n bringen es mit sich, daß der Apparat eine merkwürdige Unabhängigkeit vom Menschen erlangt, den Menschen zwingt nur als sein Sklave zu arbeiten und dieser Sklave kann versagen.
Davor habe ich Angst.

Aber nun will ich ihnen sagen wovor ich am meisten Angst habe. Was mich am Meisten erschreckt ist, daß eine Zeitung die mein Großvater gegründet hat von der Lobby der E -Werke eine solche Angst hat daß sie sich nicht traut zu publizieren was der Herr Lorenz, was der Herr Hironimus (?) oder der Prof. Tollmann (?) publiziere sondern gleich, zumindest wenn’s sie’s überhaupt abdrucken dann schneiden sie wesentliche Enden weg, entschärfen es und stellen sofort als Gegengewicht die Worte eines Bezahlten hin.
Also bitte wenn der Herr (Hubau oder so, der Name ist mir nicht verständlich) mich klagt bin ich bereit mit dem Tollmann zusammen in die Schranken zu treten.
Und das ist viel ärger wie alles andere. Denn wenn die Lobby der reichen Leute, wenn das Geld die freiesten Zeitungen unter ihren Daumen hat dann, meine lieben Freunde aus dem Tullnerfeld dann ist etwas in Gefahr das uns allen sehr am Herzen liegen sollte – nämlich die Demokratie.

Weil alles schon einmal gewesen ist zwei Reden aus dem Archiv. Eine von
1978, vor der Zwentendorf Abstimmung und eine von 1988. Beide Redner
sind schon tot, beide haben sich damals gegenüber gestanden. Lorenz auf
Seite der Atomgegner, Kreisky auf Regierungsseite welche die
Inbetriebnahme von Zwentendorf wollte. 10 Jahre später hat Kreisky dann
diese kurze Rede gehalten. Beide Texte sind Mitschriften der CBS Kassette
"Konrad Lorenz - Umweltgewissen" von 1989, Herausgeber war Bernhard Lötsch.

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